BERLINER SPARPOLITIK: KINDER BETROFFEN, BERATUNGSSTELLEN GREIFEN AUF SPENDEN ZURüCK

Politiker geben sich derzeit die Klinke in die Hand im Büro der Beratungsstelle des Berliner Vereins „Dick und Dünn“ an der Innsbrucker Straße. Die Einrichtung in Schöneberg berät seit 1986 Jugendliche mit Essstörungen. Jüngst war die Parlamentsabgeordnete Claudia Pieroth von den Grünen da. Und der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) will sich im August ein Bild von der Arbeit machen.

Der Verein trommelt derzeit für seine Präventionsarbeit an Schulen; man braucht dringend Unterstützung. Auf der Website bittet „Dick und Dünn“ um Spenden und auch darum, mit der Forderung nach Mitteln für die Projekte an die Politik heranzutreten. Lange sah es so aus, als würde das Geld für die Aufklärung an den Berliner Schulen nicht ausreichen. Der Vertrag mit der Mitarbeiterin, die für die Präventionsarbeit an Schulen zuständig ist, sollte Ende Juli auslaufen. Inzwischen sei eine Finanzierung bis Ende des Jahres gesichert, erklärt Carmen Schmidt, Leiterin des Vereins. Der Besuch des Regierenden Bürgermeisters sei deshalb nicht weniger wichtig geworden.

Das Jahr 2025 soll in Berlin ein Jahr der Sparsamkeit werden. 560 Millionen fehlen in diesem Jahr in den Kassen der Senatsressorts. Finanzsenator Stefan Evers steht vor einem Berg an Rekordschulden in Höhe von 66 Milliarden Euro. Die Senatsverwaltungen sollen im kommenden Jahr deshalb zehn Prozent einsparen. Minderausgaben von insgesamt 3,8 Milliarden Euro sah der von Schwarz-Rot beschlossene Doppelhaushalt für die Jahre 2024 und 2025 vor. CDU und SPD verrieten aber nicht im Detail, wo der Rotstift angesetzt werden soll. Die fehlende Planungsunsicherheit macht Beratungsstellen wie „Dick und Dünn“ zu schaffen.

Der Verein finanziere sich zu über 70 Prozent aus Mitteln des Integrierten Gesundheits- und Pflege-Programms (IGPP) der Senatsverwaltung für Gesundheit, erklärt Schmidt. In welchem Umfang die Finanzierung im kommenden Jahr noch gewährt werde, sei unklar. Sie habe sich schon überlegt, was sie Wegner über die Arbeit von „Dick und Dünn“ erzählen werde, erläutert Schmidt. „Wir retten hier Leben“, sagt sie.

Magersucht ist eine lebensbedrohende Erkrankung. Sie verläuft in zehn Prozent der Fälle tödlich. Krankenkassen warnten schon vor der Corona-Pandemie vor einer Zunahme von Magersucht und anderen Ernährungsstörungen, insbesondere bei Mädchen. Nach der Pandemie beklagen die Kassen nun einen allgemeinen Anstieg psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung.

Carmen Schmidt berichtet, dass immer mehr Lehrerinnen und Lehrer bei ihrem Verein Rat suchten, weil Schülerinnen auffällig geworden seien. „Wenn ihnen die Krankheit schon anzusehen ist, dann ist sie schon fortgeschritten“, sagt sie. Der Informationsbedarf zu Essstörungen sei an den Schulen dementsprechend groß. Die Zahl der Anfragen von Schulen habe nach der Pandemie um 20 Prozent zugenommen, schätzt sie. „Wir schaffen es leider nicht, alles zu stemmen“, sagt Schmidt. 

Nicht nur der Verein „Dick und Dünn“ blickt mit Bangen in die Zukunft. „Gerade kleinere Träger leiden unter dieser unsicheren finanziellen Planung“, erklärt Judith Körber von der Diakonie. Obwohl der Arbeitsmarkt leergefegt sei und das vorhandene Personal eigentlich dringender denn je benötigt werde, müsse im kommenden Jahr mit Stellenkürzungen bei Beratungsstellen gerechnet werden. „Und das, obwohl ein großer Bedarf besteht“, erklärt Körber.

Kai Lindemann, Geschäftsführer des Berliner Arbeitslosenzentrums (Balz), warnt vor einer Ausdünnung der Beratungslandschaft in Berlin in den kommenden Jahren. Die privaten Träger von Beratungsstellen könnten die durch die öffentliche Hand finanzierten Stellen ohne entsprechende Mittel mit ihren Angeboten kaum sinnvoll ergänzen.

Das Balz berate Klienten, die in den von Personalmangel gebeutelten Jobcentern immer länger auf Termine warten müssten. „Jetzt wird an beiden Enden gespart. Dadurch sinkt auch bei uns die Qualität der Unterstützung“, sagt er. Laut einer Stellungnahme der in diesem Jahr gegründeten „Berliner Arbeitsgemeinschaft Allgemeine (Unabhängige) Sozialberatung“ sind Wartezeiten von achten Werktagen für einen Termin bei einer Berliner Beratungsstelle die Regel geworden. Manchmal dauere es bis zu drei Wochen, bevor Berater eine Lücke in ihrem Kalender fänden. In Notfällen könne nicht immer zeitnah geholfen werden, selbst wenn dies dringend nötig sei.

Carmen Schmidt berichtet, dass sie die Öffentlichkeitsarbeit für „Dick und Dünn“ neben ihren eigentlichen Aufgaben erledige. „Wir haben kein Budget für so was“, sagt sie. Sie hat es mit ihrem unbezahlten Einsatz geschafft, die Landespolitik auf die Lage ihrer Beratungsstelle aufmerksam zu machen. Ob ihr Verein im nächsten Jahr an Schulen über Essstörungen aufklären kann, bleibt vorerst ungewiss.

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