Telefon-AU auf dem Prüfstand
Sind wir zu oft krank? Entsprechende Aussagen vom Bundeskanzler Friedrich Merz sorgen für Aufsehen. Ein Arzt aus Hamm widerspricht deutlich.
Hamm – Allzu positiv blickt Dr. Dirk Hensel in diesen Tagen nicht ins politische Berlin. „Mich ärgert diese gesundheitspolitische Diskussion“, sagt der Vorsitzende des Hammer Ärztevereins im Gespräch mit wa.de. Dass Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich die These in den Raum warf, Arbeitnehmer in Deutschland meldeten sich zu häufig krank, ist für den Mediziner unverständlich. „Das sind für mich Nebelkerzen. Statt die richtigen Probleme anzugehen, wird jetzt auf diese Weise Parole gemacht“, findet er. „Die Aussage ist – zumindest mit Blick auf Hamm – totaler Schwachsinn.“
Fakt ist: Der Krankenstand befindet sich auch in unserer Stadt auf einem relativ hohen Niveau. Die knapp 29 000 bei der AOK Nord-West versicherten Erwerbstätigen fehlten in den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) durchschnittlich an 13,4 Tagen im Job, meist aufgrund von Atemwegsbeschwerden. Der Krankenstand lag bei 7,4 Prozent. Das bedeutet, dass an jedem Tag durchschnittlich 74 von 1000 Arbeitnehmern krankgeschrieben waren. Damit waren die AOK-Versicherten in Hamm häufiger arbeitsunfähig als im Bund (6,6 Prozent). Im europaweiten Vergleich liegt Deutschland im oberen Mittelfeld.
Zu schnell, wie vom Bundeskanzler suggeriert, schreibe sich der Arbeitnehmer hierzulande trotzdem nicht krank, so Hensel. Nicht wenige Mediziner wie Patienten fühlen sich durch die Aussage unter Generalverdacht gestellt: Patienten täuschen eine Krankheit vor, und Mediziner bescheinigen ihnen trotzdem die Arbeitsunfähigkeit (AU). Es komme vereinzelt zwar vor, dass gesunde Patienten eine Krankschreibung vom Arzt haben wollen. „Dann schreiben wir die Person aber auch nicht krank.“ Statt der AU bescheinige er den Menschen in solchen Fällen lediglich die Anwesenheit in der Praxis.
Auch, dass „Arbeitsschwänzer“ in den vergangenen Jahren mehr geworden sind, glaubt Hensel nicht. „Eher im Gegenteil, ich habe oft das Gefühl, dass die Patienten arbeiten gehen wollen. Die muss ich dann eher noch stoppen und nach Hause ins Bett schicken“, so der Mediziner. Wenn ein Arbeitnehmer in Einzelfällen schneller zum Arzt gehe als eigentlich nötig, sei das häufig auch eine Frage des Betriebsklimas. „In meiner Praxis habe ich einen sehr geringen Krankenstand. Aus unserer Sicht obliegt es dem Arbeitgeber, den Arbeitsplatz attraktiver für seine Mitarbeiter zu gestalten.“
Auch zur Debatte rund um die telefonische Krankschreibung hat der Mediziner eine deutliche Meinung. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken kündigte kürzlich an, die Regelung überprüfen zu wollen, um Missbräuche zu verhindern. Wirklich nachvollziehen kann Hensel das nicht. Zum einen, weil dadurch die Zahl der Krankheitstage nicht wirklich reduziert werde: „Ich schreibe maximal zwei bis drei Patienten pro Woche per Telefon krank. Häufig handelt es sich dabei zudem um eine Verlängerung, die Leute waren also schon bei mir.“
Zum anderen, weil auch andere, mitunter vulnerable Menschen angesteckt werden können, wenn man sich mit einem Infekt in die Praxis schleppt. „Spielen wir das mal durch: Wenn ich mich krank fühle, gehe ich zum Hausarzt – den es aufgrund des Mangels für manche schon gar nicht mehr gibt. Dort setze ich mich stundenlang ins volle Wartezimmer und stecke noch 2 bis 3 Leute an. Und das alles nur, damit der Kollege dann sagt: ‚Bleiben Sie im Bett.‘“ Bei bekannten Patienten sei der Weg übers Telefon deutlich sinnvoller. „Wenn mir da etwas komisch vorkommt, kann ich ihn immer noch einbestellen.“
Wenn die Telefon-AU wegfalle, bekomme man in den Praxen ganz andere Probleme, ist Hensel überzeugt. „Diese Regelung hat man sich aus gutem Grund überlegt. Wenn man das abschafft, wird es bei uns auch zu einem Mengenproblem. Dann haben wir so viele Patienten, dass wir gar nicht mehr arbeiten können.“ Hier schließt sich aus seiner Sicht auch das eigentliche Problem der Debatte an: „Wir sprechen über solche Dinge, aber nicht über die Unterfinanzierung im Gesundheitswesen. Wenn das nicht angegangen wird, wird das noch katastrophal bei uns in Hamm.“
2026-02-07T08:24:27Z