Haben Sie schon einmal vom Begriff Gender Health Gap gehört? Wenn nicht, sind Sie nicht allein: Nur etwa 30 Prozent der Deutschen kennen ihn. Dabei steht er für ein Problem, das viele Frauen ganz konkret betrifft. Kurz gesagt beschreibt er systematische Unterschiede in medizinischer Forschung, Diagnostik und Behandlung zwischen den Geschlechtern. Diese lassen sich nicht allein biologisch erklären, sondern sind vor allem strukturell bedingt.
Das Bewusstsein dafür ist gering: Laut einer Studie von AXA haben 70 Prozent der Deutschen noch nie vom Gender Health Gap gehört. Gleichzeitig gaben 55 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte an, möglicherweise schon einmal falsch diagnostiziert zu haben, weil geschlechtsspezifische Unterschiede nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Doch wo zeigen sich diese Unterschiede konkret?
Über viele Jahrzehnte galt in der Medizin der männliche Körper als Standard. Frauen wurden in Studien häufig ausgeschlossen, etwa wegen hormoneller Schwankungen oder möglicher Schwangerschaften. Eine Auswertung von 1.079 Studien aus den Jahren 2017 bis 2023 zeigt: In Medikamentenstudien zu Herzkrankheiten lag der Frauenanteil bei nur 34 Prozent. Das hat bis heute Folgen: Viele Medikamente, Dosierungen und Normwerte basieren vor allem auf männlichen Probanden, obwohl Frauen Arzneimittel oft anders verstoffwechseln. Krankheiten wie Endometriose, welche jede 10. Frau betrifft, werden oft spät oder falsch erkannt. Ähnliches gilt für Demenz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei denen gängige Tests und Symptome stärker am männlichen Körper orientiert sind.
Wie gravierend das sein kann, zeigt sich besonders beim Herzinfarkt. Eine Studie von Strategy& und PwC belegt, dass Frauen mit akut auftretenden Herzproblemen im Schnitt bis zu 3,7 Stunden länger auf eine Krankenhausaufnahme warten als Männer. Zudem sind Fehldiagnosen bei Frauen bis zu 50 Prozent wahrscheinlicher. Obwohl Männer häufiger einen Herzinfarkt erleiden, sterben in Deutschland mehr Frauen an den Folgen, oft, weil die Erkrankung aufgrund sogenannter atypischer Symptome, zu spät erkannt wird.
Für viele Frauen bedeutet das: längere Wege bis zur richtigen Diagnose und das Gefühl, mit Beschwerden nicht ernst genommen zu werden. Laut der oben bereits genannten Umfrage von AXA gibt etwa jede fünfte Frau an, sich bei einer medizinischen Behandlung schon einmal nicht ausreichend ernst genommen gefühlt zu haben. Symptome werden häufiger als psychosomatisch eingeordnet oder heruntergespielt. Gleichzeitig fehlen in Leitlinien und Behandlungsstandards oft wichtige geschlechtsspezifische Unterschiede.
Expertinnen und Experten fordern deshalb, geschlechtersensible Medizin stärker in Forschung, Lehre und Praxis zu verankern. Mehr weibliche Perspektiven in der medizinischen Forschung und in Führungspositionen könnten dabei helfen. Ebenso wichtig ist es, Ärztinnen und Ärzte gezielt für geschlechtsspezifische Symptome zu sensibilisieren, damit Frauen schneller die richtige Diagnose und Behandlung bekommen.
Text: Johanna Hanke
2026-01-13T05:09:06Z