Das Leben in der Stadt bringt verschiedene gesundheitliche Risiken mit sich. Forscher der renommierten Universitäten Harvard und Stanford haben speziell die Neigung zu psychischen Problemen im urbanen Umfeld untersucht. Ihre Untersuchung brachte eine erstaunlich einfache 15-minütige Methode hervor, die demnach Depressionssymptome senken kann. FITBOOK geht näher darauf ein.
Es kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben, in der Stadt zu leben. Zu den positiven zählt dabei sicherlich die Möglichkeit zur sozialen Teilhabe. Es ist schließlich bekannt, dass Einsamkeit und Abgeschiedenheit das Gehirn verändern und die Entwicklung einer Demenz begünstigen können.1 Auf der Negativseite – und diese scheint insgesamt zu überwiegen – stehen unter anderem die möglichen Gefahren durch Lärm und Luftverschmutzung, etwa für das Herz.2 Ebenso treten psychische Gesundheitsprobleme bei Stadtbewohnern auffällig häufig auf, wie aus einer Pressemitteilung der Universität Harvard hervorgeht.3 Diese gewinnen demnach nicht zuletzt deshalb zunehmend an Bedeutung, da davon auszugehen ist, dass bis 2050 rund 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten wohnen werden. Umso wichtiger ist es, Möglichkeiten zu finden, um die psychische Gesundheit zu fördern und speziell Depressionssymptome zu lindern. Und hierbei kann eine einfache 15-minütige Methode helfen, wie ihre Untersuchung zeigt.4
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Ziel der Arbeit war es, den Einfluss von Natur beziehungsweise verschiedener Arten von Grünflächen auf die psychische Gesundheit zu untersuchen – sozusagen als Gegenpol zum urbanen Alltag. Den Forschern lagen Daten von rund 5900 Personen aus 78 experimentellen Feldstudien vor, darunter randomisierte Kontrollstudien (RCTs) sowie Prä-Post-Interventionen, also solche, bei denen jeweils vor und nach den Maßnahmen Messungen vorgenommen wurden. Der Begriff „Feldstudie“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Experimente nicht im Labor, sondern unter realen Alltagsbedingungen durchgeführt wurden. Untersucht wurden verschiedene Formen von Stadtnatur, etwa kleine Parks, Straßen mit Bäumen und Wälder innerhalb urbaner Gebiete.
In den meisten der ausgewerteten Untersuchungen hatte es gezielte Interventionen gegeben. Die Probanden verbrachten beispielsweise 15 Minuten in einer bestimmten Art von Natur, während Kontrollgruppen andere Umgebungen aufsuchten oder keine Veränderung erlebten. Dabei ermittelten die verantwortlichen Forscher bei ihnen verschiedene psychische Parameter vor und nach dem Aufenthalt in der Natur mithilfe von Fragebögen. Es wurden negative Emotionen wie Angst, Ärger, Stress und Depression und positive Empfindungen, zum Beispiel Vitalität, ein Gefühl von Entspannung und Ähnliches, erfasst.
Die Auswertung zeigte, dass bereits eine Viertelstunde in der Natur ausreicht, um Depressionssymptome und Angstgefühle zu senken. Den größten Effekt erzielte diese 15-Minuten-Methode in urbanen Wäldern, dicht gefolgt von Straßenzügen mit Bäumen. Interessant: Ruhiges Verweilen wirkte sich den Daten zufolge noch günstiger gegen negative Gefühle aus als aktive Bewegung, also beispielsweise Sitzen auf einer Bank im Wald oder das entspannte Beobachten verglichen mit etwa Joggen. Um hingegen positive Empfindungen zu steigern, waren Innehalten und Bewegen den Daten zufolge in gleichem Maße effektiv.
Menschen unter 25 Jahren profitieren von Aufenthalten in der Natur offenbar besonders stark. Dies werten die Forscher als wichtige Erkenntnis, da demnach psychische Störungen am häufigsten vor dieser Altersgrenze auftreten. „Diese Studie schließt eine wichtige Lücke in unserer Fähigkeit, verschiedene Arten von Natur zu untersuchen, um die psychische Gesundheit zu verbessern“, erklärt Dr. Kari C. Nadeau, die an der Studie beteiligt war, in der Pressemitteilung.
An der Stanford University läuft mit dem Natural Capital Project ein interdisziplinäres Forschungsprojekt. Dabei kommt das weltweit etablierte Modellierungs-Tool InVEST zum Einsatz, das die vielfältigen Vorteile von Ökosystemen quantifiziert. Auf dieser Grundlage hat das Forscherteam speziell für Städte nun ein Modul entwickelt, das den Nutzen urbaner Natur für die psychische Gesundheit abbildet – das sogenannte „Mental Health InVEST“. Das Modul soll Entscheidungsträger künftig wichtige Informationen über den Einfluss von Grünflächen auf psychische Erkrankungen und Gesundheitskosten bereitstellen. Wenn eine Stadt derzeit beispielsweise über 20 Prozent Grünflächen oder Baumbestand verfügt, lässt sich laut Yingjie Li, Studienhauptautor und Mitarbeiter am Natural Capital Project, nun womöglich vorhersagen, wie viele psychische Erkrankungen vermieden werden könnten, wenn dieser Anteil erhöht wird. „Unsere Software schätzt auch die potenzielle Senkung der Gesundheitskosten, die mit solchen Verbesserungen der städtischen Natur verbunden sind“, fügt Li hinzu.
Doch bereits für den Einzelnen sind die Ergebnisse interessant. Wer in der Stadt lebt und zu psychischen Problemen neigt, kann immerhin mit einem bewussten 15-minütigen Aufenthalt in der Natur eine vollkommen risikoarme Maßnahme ergreifen, um negativen Gefühlen zu begegnen.
Aber natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass die 15-Minuten-Methode gegen Depressionssymptome wirkt. Schließlich weist bereits die Untersuchung Einschränkungen bei der Belastbarkeit der Ergebnisse auf. Zu erwähnen ist etwa, dass die bewerteten psychischen Zustände auf Selbstauskünften der Probanden basieren. Dadurch könnten Verzerrungen durch persönliche Wahrnehmung oder soziale Erwünschtheit entstanden sein. Außerdem sind die 78 ausgewerteten Feldstudien hinsichtlich Methodik, Art der untersuchten Naturflächen, Dauer des Aufenthalts und eingesetzter Messinstrumente sehr unterschiedlich aufgebaut. Eine allgemeine Schlussfolgerung zu ziehen, ist etwas undifferenziert. Zudem stammen die meisten der Studien aus westlichen Städten. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Kulturen oder ländliche Regionen ist eingeschränkt, da Kontrollgruppen fehlen. Wichtig ist auch, dass sich die meisten Befunde einzig auf kurzfristige Effekte nach einem einzigen etwa 15-minütigen Naturkontakt beziehen. Wie sich regelmäßige Naturerfahrung langfristig auswirkt – dies wäre besonders für Betroffene psychischer Probleme wichtig – ist nicht erforscht.